Interview von Parlamentsmitglied Sabine Friedrich mit Amelie Geyer, Projektleiterin Verein SozialÖkologie
Sabine: Wie kam es zu dem Projekt „Sommerbackstube“?
Amelie: Die Sommerbackstube habe ich ins Leben gerufen, weil ich dafür brenne, Kindern die Chance zu geben, die Landwirtschaft auf Biohöfen kennenzulernen. Ich organisiere schon länger Biohof-Besuche und merke, was das für einen Impact auf Kinder hat. Was es bedeutet, wenn sie ein Raumgefühl für einen Hof bekommen, wie groß die Maschinen, die Geräte, die Flächen sind. Was dazugehört, wie viele Mitarbeitende teils auf dem Hof arbeiten, was es braucht, um Lebensmittel herzustellen, wie viel Zeit, und was es mit dem Wetter und der Klimakrise zu tun hat. Auch, was es bedeutet, auf dem Hof zu leben, als Familienbetrieb zum Beispiel. 
Ich mache seit fünf Jahren die Projektleitung für die Biobackstube, das ist eins unserer größten Projekte. Da backen wir mit regionalem Getreide und es kommen rund 800 Kinder, im Dezember. Das Angebot ist so gut besucht, dass wir vielen Schulen absagen mussten. Deshalb habe ich gedacht, wir brauchen so etwas auch im Sommer und draußen. Dazu mussten wir einen Hof finden, wo wir Kinder nach draußen einladen können, um wirklich aktiv zu sein, im besten Fall mit hofeigenen Produkten. Dazu braucht es kooperative Menschen, die ihren Hof öffnen, aufgeräumt sind, Platz haben und in die Öffentlichkeit gehen wollen. Wie der Biohof Michaelis in Mahndorf. Das ist der einzige Bio-Getreidebetrieb in Bremen. Sie haben auch Hühner, also auch Eier, und im Sommer auch Schweine. So hatten wir das Glück, dort auch Schweine sehen zu können.

Es sollte ein Hof sein, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Ich habe mehrere Gespräche geführt mit der Bäuerin vor Ort, die den Ernährungsführerschein in Grundschulen anbietet und auch Hofbesuche macht. Wir haben versucht, ihr Konzept und mein Konzept übereinzubringen. Die Idee war, dass sie mitmacht, weil sie am authentischsten erzählen kann und einen ganz anderen Hintergrund und andere Informationen hat.
Sabine: Wie lief die „Sommerbackstube“ ab und wie haben die Kinder darauf reagiert?
Amelie: Die Klassen kommen mit ihren Lehrkräften und Begleitern an und werden von den Teamern, der Bäuerin und mir begrüßt. Meist merken sie schon, dass die Luft dort anders ist. Ich sehe die Kinder, wenn sie kommen, die beobachten ganz viel. Die Höfe liegen meistens ländlicher und da ist die Natur zu sehen, da sind Tiere zu sehen. Ich frage, wenn sie ankommen: „Was hast du auf dem Weg beobachtet, was ist anders, wie sehen die Häuser hier aus?“ Fachwerkhäuser beispielsweise sind für viele Kinder ganz neu. Es hat auch eine beruhigende Wirkung. Sie kommen aufgeregt an und können gar nicht abwarten, den Hof zu sehen. Sie merken, hier ist irgendwas anders. Hier ist etwas, das ich noch nicht kenne, was ich erleben kann.

Frau Michaelis stellt verschiedene Getreidesorten vor und erklärt sie. Die Kinder können sich gar nicht vorstellen, dass wirklich aus diesen kleinen Körnern, nur aus dem Mehlkörper, das Mehl besteht, das wir aus der Verpackung kennen. Wir machen die Körner dann auf und gucken sie uns genau an. Da entsteht echte Wertschätzung für das Lebensmittel: Als wir dann Mehl auf die Hände gaben, wurden die Kinder sparsam. An den Stationen können die Kinder Mehl mahlen, Haferflocken quetschen, Kräuter verarbeiten und Butter schütteln. Je nachdem, worauf sie Lust haben, was ihnen liegt, was sie sich zutrauen. Es gibt eine kleine Mehlmühle, da können die Kinder selbst etwas Mehl mahlen, um den Prozess zu verstehen.
Dann werden mit dem hofeigenen Dinkelmehl und Eiern Brötchen gebacken und Kräuterbutter hergestellt. Jedes Kind gestaltet sein eigenes Brötchen mit Toppings wie Nüssen, Haferflocken und Samen, das wurden richtig schöne Brötchen. Manche Kinder mögen den Teig erst nicht anfassen und nicht essen, haben dann aber doch ihr eigenes Brötchen gegessen.

Die Butter haben wir selbst geschüttelt, die Kinder konnten dann ihre Brötchen mit der eigenen Kräuterbutter bestreichen. Beim Schütteln der Butter bleibt die Buttermilch übrig, die sie dann auch trinken wollten, obwohl das gar nicht geplant war. Die Kinder konnten zusehen und riechen, wie ihre Brötchen buken und konnten es kaum abwarten, das eigene Brötchen zu essen.

Einmal durften sie auch auf den Trecker klettern, das war ein Highlight für die Kinder – ebenso wie die Schweine. Aber die Bäuerin sagt dann auch ganz ehrlich, dass die Schweine schon einen Kühlschrankplatz für den Winter haben. Das ist halt die Realität, und das ist mir auch wichtig. Der Bauernhof wird oft romantisiert: Wir fahren auf den Bauernhof und da sind vor allem Tiere, das kennen viele Kinder, aber es ist nicht die Realität. Es geht bei uns auch darum, die Realität zu zeigen. Die Art von Bildung ist: Das ist die Realität, das ist deine Möglichkeit, beim Einkaufen zu entscheiden, was du einkaufst, denn du weißt, was es ist und woher es kommt. Auf Höfen mit Kälbern erlebe ich, wenn die Kinder verstehen, das ist Kalbfleisch, dann werden viele vorübergehend vegetarisch.

Mir ist wichtig, dass die Kinder möglichst viel selber machen können. Sie machen das am liebsten ohne Anleitung und wollen selbst probieren. Sich selbst etwas zuzubereiten wird dann zu einem Spaß. Das ist die Erfahrung, die wir erreichen wollen. Manchmal höre ich im Nachgang, dass die Kinder nach Hause kommen und auch dort selbst ausprobieren wollen, Lebensmittel herzustellen. Das ist das Beste, was uns passieren kann. Weil wir so auch die Ernährungskompetenz stärken.