…und wie Grundschulkinder erfahren, dass sie nicht dem Supermarkt entspringen
Wie entsteht Apfelsaft? Woher kommen Beeren? Und welche Rolle spielen dabei Bienen und Insekten? Dieses Wissen scheint selbstverständlich – vielen Kindern fehlt es allerdings. Sie glauben, das alles kommt einfach aus dem Supermarkt. Der Verein Potztausendschön hat sich auf die Fahne geschrieben, das mit den Naturtheatertagen im Bremer LichtLuftBad zu ändern. Sie laufen seit 2022 jedes Jahr in den zwei Wochen vor den Sommerferien. In dieser Zeit ist die Nachfrage durch die Schulen am größten.

Neu in diesem Programm für Grundschulkinder aus sozial benachteiligten Familien war dieses Jahr der Naschgarten. In unserer Sitzung Ende Mai hatten wir beschlossen, den Naschgarten und das Honorar für eine Umweltpädagogin zu finanzieren, die die Kinder beim Besuch begleitet. Am letzten Tag des diesjährigen Programms hatten wir die Gelegenheit, gemeinsam mit vier ersten Klassen selbst an den Naturtheatertagen teilzunehmen.
Der Ablauf ist so gestaltet, dass die Kinder anhand von Spielen und Geschichten viel über die natürlichen Zusammenhänge lernen. Außerdem blieb Zeit für freies Spielen auf den Grünflächen und in den bewaldeten Ecken des naturbelassenen Geländes. Ein echtes Abenteuer, und Gelegenheit, Kinder aus anderen Schulen kennenzulernen. „Viele Kinder kommen aus Schulen in Brennpunktstadtteilen wie Hemelingen oder Gröpelingen, da haben wir den Eindruck, dass sie es gar nicht kennen, in der Natur zu spielen. Die blühen hier richtig auf“, sagt Timo Ottolin, der bei Potztausendschön unter anderem für die Koordination verantwortlich ist.
Das Interesse ist jedes Jahr groß, wenn die Schulen auf die kommenden Naturtheatertage hingewiesen werden. „Wir schreiben dabei immer erst die Schulen mit Sozialindex vier oder fünf an. Erst wenn da der Bedarf gedeckt ist, werden andere Schulen angesprochen“, sagt Timo. „Die Klassen heute kommen aus der Schule in der Überseestadt, also Walle, und der Bürgermeister-Smidt-Schule.“


Das Programm beginnt mit dem „Bienentheaterstück“ in einem kleinen Zirkuszelt. Sven Hegeler, Clown und Schauspieler, erzählt den Kindern die spannende Geschichte vom Clown Zippo, der sich aus dem Zirkus zurückzieht, um mit seinem Zirkuswagen und einem eigenen Bienenstock auf einer Obstwiese im Grünen zu leben. Dort kommt eines Tages der giftsprühender Insektenbekämpfer Rixmann vorbei – mit schwerwiegenden Folgen für das Bienenvolk und die Natur…
Die Kinder saßen vor Spannung auf der Stuhlkante. Eine Stimme aus dem Publikum: „Hör auf, die Bienen zu töten, sonst töte ich Dich!“ Davon lies Sven sich aber nicht beirren. Er spielt alle Rollen selbst und begeistert die jungen Zuschauer mit im Verlauf des Stücks mit Jonglage, Zaubertricks und Liedern zum Mitmachen. Erstaunlich, wie laut so kleine Menschen singen können! Viele Kinder kommen hier das erste Mal mit Theater in Berührung. „Sie kennen nicht mal den Begriff Theater und sagen mir dann anschließend, wie schön das Kino gewesen wäre. Oder wie geil das mit dem Video war“, berichtet Sven schmunzelnd.


Anschließend wurde das Gesehene in Gruppen sowohl spielerisch als auch an interaktiven Stationen wie dem Naschgarten vertieft, begleitet von erfahrenen Umweltpädagogen. Bei unserem Besuch haben wir die Libellen-Gruppe begleitet. Umweltwissenschaftlerin Doreen Görschel kümmerte sich liebevoll um die Schülerinnen und Schüler. Bevor sie im Naschgarten rote Johannisbeeren ernten durften, hat sie den Kindern alle Früchte gezeigt, die im LichtLuftBad wachsen: Brombeeren, Himbeeren, Äpfel, Stachelbeeren und eben die roten Johannisbeeren. Dann galt es, acht Fotos in die richtige Reihenfolge zu bringen, von der Knospe über die Blüte bis zur Frucht.
Nur zwei Kinder durften schließlich den Garten in Begleitung von Doreen vorsichtig betreten und nur wenige Früchte ernten. Schließlich sind sie wertvoll und es muss einiges passieren, bevor sie an der Pflanze hängen. Bei der Ernte hat Doreen den Kindern erklärt, welche Pflege über das Jahr notwendig ist, damit die Beeren reichlich wachsen können. Im Sitzkreis wurde die Ernte dann feierlich geteilt, für jeden eine oder zwei Beeren. Wer schon mal rote Johannisbeeren gegessen hat, wird verstehen, dass das geschmackliche Urteil sehr unterschiedlich ausgefallen ist. Die Wertschätzung und die Freude am Teilen waren trotzdem deutlich spürbar. Eine andere Gruppe hat stattdessen Apfelsaft unter dem Apfelbaum verkostet, der hat geschmacklich vermutlich mehr Anklang gefunden.



„Die erste Saison mit dem Naschgarten war wirklich gut“, sagt Doreen. „Wir waren richtig positiv überrascht, dass die Pflanzen sich so gut entwickelt haben und schon so viele Früchte tragen. Es ist einfach ein schöner Ort geworden.“ Sie ist sehr froh, dass das Projekt dank der Unterstützung vom Chancen-Parlament umgesetzt werden konnte. Im Naschgarten gibt es rote Himbeeren, weiße Himbeeren und verschiedene Sorten Johannisbeeren. „Auch mit Blick auf die Kinder funktioniert der Naschgarten so, wie wir es uns vorgestellt haben. Hier haben sie nochmal genau das vor Augen, was das Theaterstück vermittelt: Wie wichtig Insekten und Bienen sind, damit Früchte entstehen können. Die Kinder entwickeln echte Sympathie für die Insekten, das ist wirklich schön zu sehen.“ Für Doreen ist der Naschgarten eine tolle Bereicherung.

„Ich finde es super, dass wir jetzt den Naschgarten in unsere Umweltbildungseinheit integrieren konnten“, sagt auch Timo Ottolin. „Das rundet den theoretischen Teil nochmal besonders gut ab.“ Der Naschgarten wird natürlich Teil des Programms bleiben und im nächsten Jahr hoffentlich noch mehr Ertrag bringen. „Außerdem planen wir ein neues Projekt“, berichtet Timo. „Für Kinder mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne soll es noch ein alternatives Theaterangebot geben, das etwas ruhiger ist.“ Im Mittelpunkt steht ein Koffer mit verschiedenen Schubladen. Darin liegen Dinge, die die Kinder ertasten und beschreiben. „Das bringt die Kinder wieder mehr zu sich und ihren Sinnen“ sagt Timo. Auch Sven Hegeler ist mit der Saison sehr zufrieden: „In unserem inzwischen fünften Jahr ist es prima gelaufen, wir sind zu einem tollen Team zusammengewachsen.“
Ein Stolperstein war diesmal die frühe Hitzewelle – trotz der vielen Bäume, auch rund um das Zirkuszelt. Klimawandel – ein Thema, das zum Bildungsauftrag von Potztausendschön passt. „Da müssen wir weiter dran arbeiten, die Temperatur im Zelt erträglich zu halten“, sagt Sven. Der Naschgarten hat für ihn eine besondere Bedeutung. „Durch die Reduzierung auf wenige Früchte bei der Ernte und Verkostung können wir die Wertschätzung für Lebensmittel, für das was wir essen, gut vermitteln.“ Unterschätzt haben sie den Aufwand, angefangen beim Gießen. „Glücklicherweise haben wir jetzt ein Bewässerungssystem gespendet bekommen, das wird einiges erleichtern.“
An das Chancen-Parlament gerichtet sagt Sven: „Es gibt wirklich Momente von Rührung, wenn solche Unterstützung kommt. Und dann so schnell und so niederschwellig. Schreiben, Präsentieren, das Ja bekommen und kurze Zeit später das kommt Geld. Ich bemühe mich seit Jahren um Fördermittel und fühle mich inzwischen meist wie Don Quichote, nur dass die Windmühlenflügel immer größer werden. Das Geld wird weniger, und geht oft in Projekte, die rein gar nichts für die Gesellschaft bewirken. Und dann gibt es Menschen wie Euch, die sagen: Unser Auftrag ist, wir sammeln Gelder. Und wir geben sie weiter an Menschen, die wirklich Unterstützung brauchen. Das passiert eher im Kleinen und wenig sichtbar – aber es hat ganz große Wirkung. Es gibt uns den Mut, weiterzumachen. Danke schön!“